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BARWARS ist das ultimative Buch für all jene unter uns, die sich allzu
sehr dem Nachdenken über die Zustände verpflichtet fühlen.
Das Resultat
kann immer nur lauten: Furchtbar wird es erst, wenn du nicht weißt, wie
es zu Ende geht.
Auch der Ich-Erzähler erkennt dies viel zu spät,
durchläuft eine zynische Cut-up*-Gedankenwelt und
beschwört in minimalster Kleinarbeit den Wunsch, alle anderen Menschen umbringen zu
müssen.
Die Welt, befreit von der Seuche Mensch.
Doch je mehr sich der
Protagonist in diesen Wunsch hineinsteigert, je mehr Handlung ihm von
außen widerfährt, desto weniger dokumentiert er den Hass, die Liebe und
verliert sein großes Ziel immer mehr aus den Augen.
Glück für die
Menschheit, möchte man sagen…
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* Was ist Cut-Up?
Literarische Methode, das kulturelle Archiv der Sprache
zu nutzen. Diese Technik wurde Ende der 50er Jahre in Paris vom
amerikanischen Allroundkünstler Brion Gysin und seinem Freund, dem
Schriftsteller William S. Burroughs entwickelt. Die Wurzeln des Cut-up
liegen in der Malerei des synthetischen Kubismus zum Beispiel bei Pablo
Picasso. Burroughs und andere übertrugen diese Technik auf den Prozess
des Schreibens. Bereits vorhandene Textangebote werden nach eigener
Regie zerrissen, zerschnitten oder gefaltet, und, die dabei
entstehenden Textkombinationen, neu erfasst.
Paul
Kann kommen, was will. Kann gehen, wer kann. Mir wird mulmig, die Hände sind kalt und schwitzen. Ich halte einen dieser Monologe, den ich oft nachts mit dem Spiegel an meiner Zellenwand führte. Nun ist Paul mein Spiegel. Er kopiert jede Geste. "Sie ist laut. Sehr laut. Immer. Auch nachts. Die Motorsäge an meinen Nerven schläft nie. Wie denn auch? Wer sie bedient? Die Menschheit. Als Ganzes. Die komplette Brut. Jeder, der was am Laufen hat. Und sei es nur die Nase. Der Mensch ist und bleibt ein heuchelndes Marottenkalb. Warum ich den Motor der Säge nicht abstelle? Dann müsste ich sie erschießen, die Menschen. Freiwillig käme niemand auf die Idee, Ruhe zu geben, sich auf was auch immer zurück zu ziehen, die Schnüss zu halten. Sieht man aus dieser Warte mal von den merkwürdigen Gebärden einiger stiller Buddhisten ab, so wäre ein bisschen Schweigen die 500 Dollar-Kutte des Dalai Lama wohl wert. Warum sägen die Menschen mit dem Motor an meinen Nerven? Weil sie es nicht anders gelernt haben. Weil plappern, klappern, jetten, düsen, bohren, hauen, schreien, mauern, klempnern, heulen, die Menschheit zumindest soziologisch als das ausmacht, was sie tatsächlich ist: Ein elender, bürgerlicher Haufen, der sich gegenseitig die Ohren volldröhnen muss. Das gehört zur Operation Schönheit. Wer denn der Patient in diesem Absurdum sein mag? Hier gilt eine alte Zahnwurzelweisheit: Jeder ist es. Und jeder ist sich selbst der Nächste."
"Krawall gehört zum Geschäft". Paul setzt sich beim Sprechen in der Art Leonard Cohens einen blauen Kuss. "Stumm rattern die Vierviertelbeats in den knöchernen Gehörgang hinein, ja, so läuft's in der gestanzten Tanzmaschinerie." Kleine Blutspritzer benetzen die Teekanne. Ich hätte wissen müssen, dass der Tee mit Pot versetzt ist. Das Geschacher des vor mir sitzenden Junkies wird beruhigende Entrückung. Der Schlauch, die Zitrone, der Löffel, das Braune, die falsch herum aufgestellte Teedose, das Feuerzeug unter dem Löffel, das Aufziehen der köchelnden Flüssigkeit. Das Pumpen der Hand, der Einstich, das Aspirieren, das Lösen des Schlauches, das Drücken des Kolbens der Spritze. Das Herausziehen der Nadel. Blut, das langsam gerinnt. Paul verliert meinen Blick. Doch mein Blick, überambitioniert am Leben zu bleiben, sagt vielleicht: "Gott ist meine Droge. Ich bin ein kreistanzender Jesus-Freak." Heroin hält warm, serviert kalt ab. Der Pot entfaltet sich rasch in meinem Kopf, langsam zieht die Wirkung mit Sack und Pack weiter auf Wanderschaft durch meine Glieder. Ich habe nichts vor, ich kann für immer bleiben. Ich wollte töten, ich will es noch. Mittlerweile ist alles, wie trivial es auch erscheint, möglich. Paul dagegen erholt sich schnell, so scheint es; für ihn ist die Droge die Gegenwelt. Ohne Stoff existiert er als Kaninchen. Mit der Dosis als Schlange, die den Rausch herbeizischt; es ist aber keiner.
Milena, Pauls vierjährige Tochter, schleppt einen zerbeulten Stoffhasen durch den Flur, steckt den Kopf kurz in die Küche und huscht barfuß zurück ins Nebenzimmer. Durch die Wand dringt ein Kinderhörspiel. Benjamin Blümchen. Wer sagt was zu wem? "All die großen Gesänge und Entwürfe, wo sind sie hin? Sind sie nicht verschlissen? Und dabei fühlt sich alles genau so an wie immer, als würde alles ein gutes Ende nehmen. Aufmerksamkeit erhaschen, von anderen wahrgenommen werden, rammsbamms mit allen Türen in die Häuser rattern - genau das ist die kleine Flamme, auf der des Menschen Seele köchelt. Die Mittel hierzu sind reichhaltig vorhanden. Und wenn nicht: Bloße Existenz eines Menschen reicht oft schon aus. Spätestens seit Inkrafttreten der Handypflichtverordnung - es muss um 1995 gewesen sein - ist selbst den eigentlich doch stillen Vertretern keine Ruhe mehr, um den stetig sabbelnden Mund gebunden. Du besorgst dir ein Handy und bist auf einmal ein Arzt in diffuser Bereitschaft. Ein Black Doc, immer und für alle erreichbar. Du hast Notdienst zu jeder Zeit, an jedem Ort, wirst gerufen und sollst handeln. Niemand ruft dich an, um zu sagen, dass alles gut ist. Denn was ist schon wirklich gut und damit schön? Sind es die singenden Rasenmäher auf nassen, schmierigen, seifigen, tiefen Grundstücken? Sind es die kriegstreibenden Laubsauger, die ewigen Martinshörner, die Sirenen? Ist es der Feueralarm, der Autoverkehr, das viel zu laute Rascheln der Blätter an den Bäumen? Wir kauen auf ganz hartem Brot, mein Guter! Und dies ist nur ein Anfang in Fraktur."
Ich starre aus dem Fenster: Leuchtreklame, ein Fast-Food-Restaurant. Frische Luft pustet mir durch den Kopf, wie Schrot eines Gewehres. Stumme Zeugen sind zwei Eskimofiguren, inmitten lauter Flamingos. Unten rollen Autos zum Drive-In-Schalter und werden abgefertigt. Benjamin Blümchen, der Elefant, schläft jetzt.
"Der Querschnitt der Menschheit arbeitet an fünf Tagen in der Woche. Auf Mau-Niveau. Irgendwas. Das ist egal. Hauptsache ist der Lohn, der dabei herum kommt. Bleiben zwei weitere Tage. An denen soll schwarzgearbeitet werden, das heißt: es gibt auch Lohn, nur nimmt der nicht den Umweg über die Bank. Man zahlt ihn direkt und immer gleich dem Endverbraucher. Wie praktisch. Religiöse Eiferer der christlichen Welt, die sich gern durch Psalmen und Gebote mühen, mögen einwerfen: Am siebten Tag, da sah Gott, alles ist gut. Dann ruhte Gott. Christlich Ungestüme, von denen es viele im Querschnitt der Menschheit gibt, lieben die Ruhe am Sonntag, werden allerdings von den Donnerschlägen hiesiger Gottestürme in ihr Haus zum Schlechten Gewissen, der Kirche an sich, gelockt. Allgemein betrachtet gilt jeder Sonntag in der Woche als Besuchstag. Man schickt sich fein und beginnt mit dem Besuchen. Und klingelt am Ziel eines ausgemachten Treffs. Die Menschen behandeln sich, wie sie selbst sind. Scheidungskinder werden herumgereicht, Affären mit Sahnesteif versetzt, Erbeltern dürfen vermessen, vergoldet werden und vieles mehr."
Mücken schrillen, wie Stukas, an meinem Ohr vorbei. Vor den Glaskugeln der Wahrsager putzen sich die Bräute raus und keiner will sie haben. Paul verschwindet aus der spärlich eingerichteten Küche, knipst das Licht im Nebenzimmer aus, sagt etwas zu Milena. Ich weiß nicht wie lange er fort ist. Draußen dunkelt es in Schwärmen, ich suche nach Bildern, um alles begreifen zu können. Alles, das klingt so dumm, ja global. Nein, es ist mehr die Sehnsucht nach mir selbst. Das mag unheimlich kitschig, esoterisch verkocht nach Kürbissuppe mit Petersilie obenauf klingen, doch es ist diesmal nichts als die reine, geile Wahrheit. Nach einer langen Phase schrecklicher Lethargie plündere ich den Kühlschrank, mache mir Brote und Eier. Rauche hastig nach dem Essen. Ich esse schnell, so, als wäre ich auf der Flucht.
"Seht her, was Menschen anderen antun können: Am Horizont nichts als gähnende Skelette, " ist alles, was mir im Bratdunst einfällt. Und beim stoisch verrichteten Abwasch: "An Wochenenden kochen die Motoren der Sägen an meinen Nerven auf Sparflamme. Es sei denn, ich schalte das Fernsehen ein, wohne an einem Fußballstadion, einem Reiseschnittpunkt oder besuche Flohmärkte, auf denen Marktschreier ihr fuchtelndes, lautes Unwesen treiben. Ich hasse den Lärm, ich verachte den Krach nicht nur als solchen, sondern in erster Linie seine Verursacher, die Menschen. Abgrundtief. Und dabei ist doch der Sinn des Lebens ein anderer: Schönheit erlangen. Mein Entschluss, sie alle umzubringen, keimt tiefer, schlägt nicht aus."
In diesem verdammten Moment, den ich für immer behalten werde, streift Pauls schnurrender Kater meine Hosenbeine; das schneeweiße Fell voll mit frischem Blut, rot-weiß gesprenkelt. Die Tatzen verteilen mehr Blut in der Küche. Meine Arme strecken sich leise knackend aus. Eine schlimm juckende Mückenquaddel am Daumenballen. Ein erlösendes Kratzen, bis die offene Haut beißend schmerzt. Ich werfe einen Schneeball vom Nordpol zum Südpol. Eismöwen landen kreischend auf gestrandeten Walen.
Mitten unter uns existiert diese Gegenwelt, nicht nur aus Heroin. Ach, ich verachte im Grunde das Töten, das Zufügen von Leid. Doch vor lauter Details verliere ich den Blick auf die Makroebene, auf die blaue Welt. Und die wäre schöner ohne Menschen drin. Um das einmal erleben zu dürfen, müsste ich bald mit dem Töten beginnen. Oder ich reihe mich bereits jetzt in die Schlange der Käufer des Jahrbuchs der Dummheit ein. Ein Versuch in Hohn und Häme. Vermutlich würde mir das auch nicht mehr schaden als nützen. Mitten unter uns die Gegenwelt. Du und ich. Wo bist du? Finde ich dich, tapsend in Trance, mit einem Satz Land und Leute verratend, in Tanger? Wirst du die Perversion meines Lebens, die ich mir in Gefangenschaft auf den Bauch band? Wo muss ich dich suchen? Neben mir? Wo wirst du befeiert? Kann ich dich bei all dem Schangel, der geboten wird, erkennen? Bist du maskiert? Bist du eine moralische Instanz? Bin ich der nassforsche, naive Hip-Hopser, dem man nachsagt, er hätte keinen Arsch in der Hose? Bist du Mann oder Frau? Wackelst du eines Tages trunken in der Schnapsbar vor mir aufs Klo, dorthin, wo diese schrecklichen Gratispostkarten herumliegen?
Ich stolpere die Treppen herunter. Unten löse ich alle Klingeln auf einmal aus. Endlich, eine nervöse Dame in der Gegensprechanlage. Ich flehe sie an, nach Paul zu sehen, nach Milena, nach der Katze, nach dem zerbeulten Stoffhasen. Sie verspricht es. Ich treibe in die Gegenwelt davon.
Frank Bröker
Ausschnitt aus "BARWARS"
Morgana Verlag, Leipzig
ISBN 3-939463-00-0
FRANK BRÖKER - BARWARS
Im Morgana Verlag Leipzig
Tour 2006/2007 zum neuen Buch
***Lesung - Music - Psycho***
A l l e s l i v e & v e r s t ä r k t
Jeder kriegt, was er verdient. "BARWARS ist das ultimative Buch für all jene unter uns, die sich allzu sehr dem Nachdenken über die Zustände verpflichtet fühlen. Das Resultat kann immer nur lauten: Furchtbar wird es erst, wenn du nicht weißt, wie es zu Ende geht…" Diese ersten Worte stellt Frank Bröker dem Intro seines neuen Buches voran.
Der 1969 in Meppen geborene, seit 2002 in Leipzig beheimatete Musiker ("The Russian Doctors" - zusammen mit Makarios Oley, ex-DIE ART), Autor (u.a. "Schwer Verletzt" - Edition Minotaurus), Redakteur (Morgana, Härter) und Veranstalter (u.a. Konstantin Wecker) legt mit seiner, zur Leipziger Buchmesse 2006 erschienenen, Cut-up-Dokumentation "BARWARS" ein neues Buch vor, das seinem bisherigen Ruf mehr als nur gerecht wird.
"Mit eigenwilligem Schreibstil und knallharter Realität weiß Bröker seine Fans zu begeistern."
(Bremer)
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"Er unterhält, schnell und gut, aber eher in einer Meute Leute, als
allein zu Hause. Auch andere seiner Fiktionen sind radikal subjektiv,
ohne Distanz, und - wie sein Leben - voller Kaputtniks … direkt aus den
Adern eines Rohypnol kennenden, bekennenden Hyperaktiven, der nach
Nelson Algrens Maxime handelt - dass ein Schreiber nämlich erstens das
Leben kennen sollte, bevor es sich darüber auslässt und zweitens
trainieren und immer am Ball bleiben muss, wie ein Boxer."
(Rolling Stone)
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Freuen Sie sich auf eine vollkommen widersprüchliche, hart am Rande der menschlichen Legalität schwelende Cut-up-Dokumentation, versehen mit einem Vorwort des Berliner Filmemachers Ronald Klein. Wenn Sie Michel Houellebecqs "Elementarteilchen" mochten, werden Sie Brökers "BARWARS" lieben.
(…)
Zulange bin ich selbst Barkeeper gewesen. In einigen Stunden werde ich erwachen. Das ist so sicher, wie das Ende jeder Schönheit, jeder Weisheit, jeder willenlosen Bescheidenheit. Knochen werden Muskeln dehnen, strecken, elektrische Impulse werden den Kreislauf in Stellung schießen. Blut wird fließen, egal wohin, befeuert den Ofen des ewigen Lebens. Böse wird es enden, valiumschön.
ISBN: 3-939463-00-0
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